
Die Debatte über Griefbots drehte sich bisher um die Toten.
Eine neue Arbeit verschiebt die Frage: Was, wenn ein KI-Avatar einen Menschen nachbildet, der noch lebt, aber durch Demenz nicht mehr derselbe ist?
Alexander Manevich und Yuval Haber beschreiben diesen Fall in einem Aufsatz in Frontiers in Genetics, erschienen Ende April 2026. Ihr Gegenstand ist der sogenannte non-death loss, der Verlust eines Menschen, der körperlich anwesend, psychologisch aber abwesend ist.
Im Zentrum steht ein Gedankenexperiment, der PremorbidBot. Eine Anwendung, die aus Briefen, Nachrichten und Aufnahmen die Persönlichkeit eines Menschen rekonstruiert, wie sie vor der Erkrankung war. Angehörige könnten so mit der Mutter sprechen, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Das klingt tröstlich und ist genau deshalb heikel. Demenz erzeugt das, was die Forschung ambiguous loss nennt, eine Trauer ohne Abschluss, weil der geliebte Mensch zugleich da und nicht mehr da ist.
Die Autoren prüfen den Fall an den vier klassischen Prinzipien der Medizinethik. Bei der Autonomie stellt sich die Frage, ob eine kognitiv beeinträchtigte Person überhaupt zustimmen kann. Beim Schadensrisiko geht es um emotionale Abhängigkeit, und um die Gefahr, dass Pflegende lieber mit dem Bot reden als mit der realen, mühsamen Person im Nebenzimmer. Bei der Gerechtigkeit bleibt offen, wem die digitale Identität gehört und wer sie kommerziell verwertet. Es sind dieselben Konflikte, die sich schon bei den Avataren Verstorbener stellen, nur dass hier ein lebender Mensch im Nebenraum sitzt.
Als Maßstab schlagen Manevich und Haber das ALIVE-Framework vor, fünf Bedingungen von der doppelten Zustimmung über den Vorrang der lebenden Person bis zur Rechenschaftspflicht.
Nur wenn alle erfüllt sind, sei der Einsatz vertretbar. Wie schon bei den Avataren der Toten gilt: Die Technik ist schneller als jede Regel, die sie einhegen könnte.
Zum Artikel: Non-death loss and GenAI - ethical reflections on griefbots of the living