Der Tod im Sozialen Netzwerk

Eine Profilseite in einem sozialen Netzwerk kann nach dem Tod eines Menschen ein wichtige Rolle für die Hinterbliebenen einnehmen. Doch wer schützt das Andenken an die verstorbene Person vor digitalem Vandalismus?

Das soziale Netzwerk "Myspace.com" aus den USA erfreut sich auch unter Jugendlichen in Deutschland großer Beliebtheit.
Es ist dort möglich auf einer Profilseite Informationen über die eigene Person, die Interessen und die Freunde einzutragen. Eigene Fotos und eine Kommentarfunktion gibt es selbstverständlich auch.
Stirbt eine Person, dann ist die Profilseite in der Regel unbetreut. Da Jugendliche häufig eines unnatürlichen Todes sterben (Krankheit, Unfall, Suizid), nutzen die Freunde im Netzwerk die nun verwaiste Profilseite, um mit Hilfe der Kommentarfunktion ihre Trauer auszudrücken.

In Amerika gibt es eine Internetseite mit den Namen Mydeathspace, auf der Todesfälle aufgelistet werden. Angeblich werden Tageszeitungen nach Namen von z.B. Unfallopfern durchsucht und dann recherchiert, ob diese Person eine Myspace-Profilseite hatte.
Mit Hilfe von Werbung wird versucht, den Voyeurismus der Menschen zu Geld zu machen.

Sobald jemand stirbt, sucht sich die Trauer ihren Weg

Handelt es sich um einen Prominenten, dann wird in der Regel das Gästebuch der offiziellen Homepage zum Ziel der Trauerbekundungen. Bei weniger bekannten Menschen wird diese Aufgabe eine Profil-Seite in einem sozialen Netzwerk übernehmen. Dies ist selbstverständlich nicht kritikwürdig - im Gegenteil, trauernde Gruppen wollen sich zu Recht gegenseitig ihre Trauer bekunden.

Die Profil-Seite des Verstorbenen kann natürlich nicht mehr durch diesen selbst moderiert bzw. vor digitalem Vandalismus geschützt werden. Die Erfahrung zeigt, das es im Falle einer fehlender Kontrolle fast zwangsläufig zu unangemessenen Einträgen kommt. Ist der Tod zum Beispiel durch einen Selbstmord eingetreten, wird ggf. voller Fantasie über die Gründe spekuliert. Handelt es sich um ein Gewaltverbrechen, dann schlägt die Trauer häufig in Wut um, es kommt zu einer Art Wettbewerb, wer die spektakulärsten Rachegedanken bieten kann - das Profil wird zu einem digitalem Pranger.

Damit das Ansehen des Verstorbenen und der Familie in der Öffentlichkeit keinen Schaden nimmt, ist es im Interesse der Angehörigen, mit Hilfe eines Logins die Möglichkeit zu haben, regulierend einzugreifen. Doch haben Eltern überhaupt die nötige Medienkompetenz, um über das Digitale-Ich der verstorbenen Person informiert zu sein? Gehört es nicht gerade zur jugendlichen Identitätsfindung dazu, die nähere Umgebung außerhalb der eigenen Generation im Unklaren über die digitalen Aktivitäten zu belassen?

Es gibt also zwei gegensätzliche Bedürfnisse: Angehörige werden vermutlich (aus Unkenntnis?) eher für eine Löschung des Profils sein. Der nähere Freundeskreis der verstorbenen Person wird vermutlich Wert darauf legen, das aus der Profil-Seite zumindest für einige Zeit eine Erinnerungsseite wird. Auf dieser soll es weiter die Möglichkeit geben, Trauerbekundungen zu hinterlassen.

Es ist vermutlich keine gute Idee, sich auf die Hilfe der Anbieter des sozialen Netzwerke zu verlassen.

Was also tun?

Wie wäre es mit einem "versiegelten" Umschlag im eigenen Schreibtisch. Darin die Adressen und Zugangsdaten der eigenen Webseiten - und der Name einer Vertrauensperson mit ausreichender Medienkompetenz. Diese Person bekommt die Aufgabe, z.B. für die Zeit des Trauerjahres ein Auge auf die Inhalte der Profilseite zu werfen. Am Ende des Trauerjahres ist es dann soweit loszulassen - die Profilseite kann ohne ein schlechtes Gefühl haben zu müssen, gelöscht oder für weitere Ergänzungen geschlossen bzw. gesperrt werden.

28.01.2008 - Dauerhafter Link zu: Der Tod im Sozialen Netzwerk

Wann stirbt das "Digitale Ich"?

Verstirbt ein Familienmitglied oder ein anderer nahe stehender Mensch, dann stellt sich im Zeitalter des Internet eine Frage, die früher noch nicht beantwortet werden musste: Wann stirbt das "Digitale Ich"?

Aktuelle Kommunikationstechniken bieten vielfältige Wege um mit Menschen in Kontakt zu bleiben. Sei es die persönliche E-Mail-Adresse, die Handy-Nummer oder der Eintrag in der Skype-Kontaktliste. Diese Einträge dienen der schnellen Kontaktaufnahme, im Falle des Todes eines Menschen werden sie - sobald der Blick über die eigene Freundesliste in der Kommunikationssoftware schweift - zum stetigen Erinnerungsanlass an die verstorbene Person.

Ist es eine Lösung, die Kontaktdaten früh nach dem Tod des betreffenden Menschen zu entfernen, um den Schmerz nicht immer wieder zurück zu holen? Oder fühlt sich das aktive Löschen einer Person aus der eigenen Freundesliste nicht an, wie ein nachträgliches Einverständnis mit dem Tod, wenn nicht sogar ein wenig wie ein digitaler Mord?

Wann ist es angebracht, den digitalen Kontakt endgültig zu löschen?

Eine Rolle spielt ganz sicher die Nähe des Menschen, den man verloren hat.
Je näher einem die Person stand, desto schwieriger wird die Frage zu beantworten sein. Früher gab es das Trauerjahr, welches gesellschaftliche Regeln und Gebräuche vorgab.
Nach einem Trauerjahr fühlt sich das Löschen der Daten ja vielleicht nicht mehr wie ein zweiter Tod an. Vielleicht ist der erste Todestag ein guter Tag, um das "Digitale Ich" los zulassen?

11.12.2007 - Dauerhafter Link zu: Wann stirbt das "Digitale Ich"?